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Die Bedeutung des Unsichtbaren – Interview mit TOPOTEK 1

Der Freiraum um das Kloster in Lorsch

Autor: Rosa Schaberl Fotos: Hanns Joosten

Design TOPOTEK 1
Adresse Sophienstraße 18, 10178 Berlin, Deutschland
Space UNESCO-Weltkulturerbe Kloster Lorsch
Adresse Lorsch, Deutschland
Planungsbeginn 2010
Fertigstellung 2018
Nutzfläche 5.200 m2
Baukosten EUR 3.000.000,-
Bauherr Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen / Stadt Lorsch
Kooperation hg merz Architekten
Kategorie Umbau, Öffentlich, Landschaftsarchitektur, Gartengestaltung
Fotograf Hanns Joosten

Martin Rein-Cano gründete 1996 alleine das Landschaftsarchitekturbüro TOPOTEK 1 in Berlin. Heute – nicht einmal 30 Jahre später – zählt sein Büro zu den international bekanntesten. Gemeinsam mit seinen Partnern und Mitarbeitern realisiert er nicht nur interdisziplinäre Landschaftsarchitekturprojekte, sondern gründete auch 2017 ein Architekturbüro. Gründer und Partner Martin Rein-Cano im Gespräch mit Chefredakteurin Rosa Schaberl über das kürzlich realisierte Projekt Kloster Lorsch, über den Mehrwert des Nichts und was die Emanzipierung der Frau mit dem Schritt in die Architektur zu tun hat.

 

TOPOTEK 1 hat 2010 den Wettbewerb für das Kloster Lorsch gewonnen. Mit welchem Konzept konntet ihr die Jury überzeugen? Welcher Grundgedanke steht hinter eurem Entwurf?

Unseren Entwurf könnte man als die „Poesie des Verschwundenen“ begreifen. Das Kloster hat zwar eine enorme geschichtliche Bedeutung, aber für Elemente, die heute nicht mehr ersichtlich sind. Ein Beispiel wäre die Schreibstube: Hier wurden noch vor dem Buchdruck Unmengen an Transkripten produziert, viele der Arbeiten aus dem Kloster Lorsch findet man heute in der Bibliothek des Vatikans. Besuchen kann man diese Schreibstube aber nicht mehr – sie ist verschwunden. Wir haben versucht, diese unsichtbare Bedeutung erlebbar zu machen.

Wie kann man sich das vorstellen? Wie macht man Unsichtbares als landschaftsarchitektonischen Eingriff sichtbar?

Auch wenn man die meisten Gebäude und Funktionen heute nicht mehr sieht, haben sie Spuren hinterlassen, die wir durch topografische Elemente nachzeichnen. Eigentlich ist das ebenso eine Transkription der Geschichte, wie sie früher in der Schreibstube stattgefunden hat. Man kann den Ort aus zwei Sichtweisen erleben: Wenn man als Besucher kein Hintergrundwissen zum Kloster Lorsch hat, erlebt man die schöne Landschaftskultur. Hat man das Wissen um die ehemalige Bedeutung, lässt sich durch die topografischen Eingriffe erahnen, was es damals gegeben hat, und die ehemalige räumliche Situation wird erfahrbar.

Und abseits der Topografie, welche Elemente des Entwurfes sind noch herauszuheben?

Durch die bereits erklärten Eingriffe ist die informelle Strukturierung relativ stark und macht dennoch keinerlei Vorgaben der Nutzung oder des Bewegungsflusses. Wir haben auch im Park selbst auf eine Wegeführung verzichtet. Es gibt nur in der Eingangssituation diese … nennen wir es „Trittstreifen“. Wir wollten den Nutzern einfach die Freiheit geben, den Raum selbst zu erleben und sich anzueignen. Das Nichts hat in unserem Entwurf also eigentlich zwei Ausprägungen: das Nicht-Sehen und das Nicht-vorgeschrieben-Bekommen. Das Nichts ist also das Wertvolle im Entwurf.

Die Aneignung des Freiraumes ist ja nicht nur beim Kloster Lorsch ein Thema. Wie kann man denn die Aneignung durch Nutzer ganz allgemein in der Gestaltung unterstützen? Und welches konzeptuelle Verständnis vertritt TOPOTEK 1? 

Es gibt diesen Essay von Umberto Eco „Das offene Kunstwerk“, darin beschreibt er, dass ein Kunstwerk immer nur dann eine Qualität besitzt, wenn der Betrachter es zu Ende denken oder zu Ende erleben kann. Wenn Kunst abgeschlossen ist, ist sie eigentlich wertlos. Wenn es um die Aneignung des Freiraumes geht, sehe ich persönlich das gern wie Eco. Wir streuen gestalterische Krümel, an denen sich die Besucher orientieren können, aber nicht müssen. Sie können den Freiraum selbst „zu Ende“ erleben. Ich glaube, je neutraler man mit Funktionszuweisungen umgeht, desto angeregter ist der Besucher, selbst etwas daraus zu machen.

Schon vor dem Wettbewerb war das Kloster Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Welche Herausforderungen gehen mit diesem Titel bei einem landschaftsarchitektonischen Eingriff einher?

Ich sehe eher einen größeren Vorteil als wirklich eine Herausforderung in diesem Titel. Vielleicht, dass dir als Gestalter bei allen Eingriffen unglaublich genau auf die Finger gesehen wird. Das ist aber nur allzu verständlich und es hat uns nicht wirklich betroffen. Es gab ja auch nichts, was wir hätten kaputt machen können. Dazu kommt, dass unsere Eingriffe wirklich sanft waren. Unsere Gestaltung ist vielmehr ein Hauch. Als würde man nach dem Duschen mit dem Finger auf dem Spiegel zeichnen. Zum Beispiel sind die topografischen Elemente, auch wenn es so scheint, nicht durch Abgrabung des Bodens entstanden. In Wahrheit sind es Aufschüttungen, um das Bodendenkmal nicht anzutasten.

Und worin siehst du dann den großen Vorteil des Titels?

Unter anderem ist die weiterfolgende Pflege ein Vorteil. Als denkmalgeschützter Ort wird der Freiraum vom Land verwaltet und dadurch von Fachkräften gepflegt. Das ist ein wirklich sensibler Umgang und eine ganz andere Wertschätzung für den Grünraum als bei vielen anderen Projekten.

Eine letzte Frage zum Kloster: Was war bei diesem Projekt dein persönliches Highlight?

Der Baggerfahrer! Eine Fachkraft, die im Nachhinein betrachtet unerlässlich für die qualitative Umsetzung unseres Entwurfes war. Die von uns geplanten Formen wurden so exakt ausgeführt, ich glaube, unser Baggerfahrer war genauso angefixt wie wir und vielleicht sogar noch obsessiver. Ein großes Glück für uns. Gerade bei solchen Details merkt man, wie viele Ebenen gut zusammenspielen müssen, um ein gutes, großes Ganzes zu realisieren.

Abseits von diesem Projekt und vielleicht allgemein zu deiner Arbeit: Worin siehst du die Verantwortung der Landschaftsarchitektur?

Die soziale Verantwortung würde ich als mein Kerninteresse und damit vielleicht auch als persönliche Hauptverantwortung als Landschaftsarchitekt sehen. Es gibt so viele Themen, die wir in unseren Projekten beachten müssen, und dennoch, wenn man es herunterbricht, geht es immer um die Interaktion. Das Soziale ist eines unserer höchsten Güter, die zufällige Begegnung, die wir im öffentlichen Raum beobachten können, unterscheidet nicht zwischen Geschlecht oder Herkunft, man begegnet sich einfach. Da geht es nicht um Regellosigkeit oder gar Vernachlässigung des Freiraumes, sondern um entsprechende Konzepte und Entwürfe.

TOPOTEK 1 beschäftigt sich aber nicht mehr ausschließlich mit dem Freiraum, ihr habt erst kürzlich die ersten Architekturwettbewerbe gewonnen. Was hat dich zu dem Schritt in die Architektur bewogen?

Also ein Grund war ganz banal. Ich habe ja immer den Scherz gemacht: „Die Landschaftsarchitektur heute ist wie Frauen, bevor sie emanzipiert waren. Als sie noch warten mussten, um zum Tanzen aufgefordert zu werden.“ – Ich wollte nicht warten, bis ich aufgefordert werde. Ich bin genauso emanzipiert und kann das auch. Hinzu kommt, dass wir über unsere eigenen Berufsgrenzen hinausdenken wollten. Der Landschaftsarchitekt plant immer Grün und schützt Vögel, ein Architekt baut Kisten und die Verkehrsplaner Kreise. Wir wollen über diese Stereotype hinaus und die Grenzen ein wenig verwischen.

Näherst du dich einem Entwurf in der Architektur anders als in der Landschaftsarchitektur?

Nein, alles, was Konzept ist, ist für mich auch derselbe Prozess. Sowohl in der Architektur als auch in der Landschaftsarchitektur geht es darum, Funktionen Form zu geben. Nur, dass die Architektur noch programmgebundener ist. Unsere Projekte im Freiraum erlebt man in Bewegung und das kann ich gut für die Architektur adaptieren. Ich versuche, Gebäude als Sequenzen von Räumen zu denken.

Abschließend: Welcher Mehrwert zeigt sich für dich darin, sich nun vermehrt der Architektur zu widmen?

Wenn ich mein Studium mitzähle, bewege ich mich nun seit 30 Jahren im Berufsfeld Landschaftsarchitektur. Große Überraschungen und Lerneffekte hat man da immer seltener. Ich bin auf den Kern des Berufes gestoßen, da entdeckt man kaum noch Neues. Anders bei der Architektur: Unsere ersten Projekte waren zwar gleich erfolgreich, ich bin aber noch weit entfernt vom Kern. Ich bewege mich noch am Rand, kann mich dennoch gut orientieren und fühle mich nur manchmal fremd. Und manchmal möchte ich mich auch einfach fremd fühlen. Daraus kann man am meisten mitnehmen.

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