Aus 100 working SPACES (Ausgabe 2016/2017) – BUY NOW

Hohe Kunst

Stefan Camenzind von Evolution Design im Gespräch mit 100 SPACES

Autor: Manuela Hötzl Fotos: TeamBank aG – easyCredit / Christian Beutler / Itay Sikolski

Die Schweizer Architekten von Evolution Design haben drei Google-Standorte gestaltet – aber nicht nur das. Das Büro der Zukunft? Ein ständiger Prozess und permanente Mitgestaltung.

Das Züricher Architekturbüro Evolution Design, rund um Stefan Camenzind, zeichnet sich vor allem durch die langjährige Zusammenarbeit mit globalen Unternehmen und deren internationalen Teams aus. Ihre globalen Strategien setzen sie in einem lokalen Kontext um, wie die Google-Office-Designs in Tel Aviv, Moskau, Stockholm, Dublin und Zürich zeigen. Für Google Zürich erhielt Evolution Design diverse Auszeichnungen, wie etwa den„1st Place, Best Interior Office Design 2008– International Design awards”.

Weitere Projekte von Evolution Design:
Google Zürich / Easycredit-Haus / Google Dublin / Cocoon und Google Tel Aviv

Wie würden Sie die Kompetenz Ihres Büros selbst beschreiben?

Wir haben das Glück gehabt, in den letzten Jahren mit sehr interessanten internationalen Firmen zusammenzuarbeiten – und sie in der Frage zu unterstützen, wie der Arbeitsort sie in ihrer Zielerreichung besser unterstützen kann. Wir haben sehr viel Erfahrung in der Erfassung der Aufgabe, dem Research und in der Umsetzung – also wir betreuen ein Projekt von Anfang bis zum Ende.

Was muss denn ein Auftraggeber wissen, bevor er auf Sie zukommt, was bedeutet Anfang?

Das ist natürlich unterschiedlich. Wir haben Auftraggeber wie Google, die haben sehr viel Eigenwissen und machen selbst viel Research. Da ist dann eine sehr partnerschaftliche, gemeinsame Entwicklung möglich. Andere Kunden wissen zwar, dass sich die Art der Arbeit verändert hat, dass ihre Angebote im Büro nicht mehr adäquat sind, aber das Konzept ist noch sehr vage. Das bedeutet, wir fangen ganz von vorne an. Wir versuchen herauszufinden, was sich verändert hat, es verstehen zu lernen und in die Zukunft zu denken, was dort das ideale Arbeitsumfeld darstellt. Also da gibt es die ganze Bandbreite.

Was sind sozusagen die häufigsten Veränderungen, die Sie im Büro oder im Büroalltag wahrnehmen?

Was man ganz klar sehen kann, ist natürlich, dass die Mobilität in jeder Beziehung massiv angestiegen ist und als Folge davon ist niemand – oder kaum jemand – mehr zwingend an einen Arbeitsplatz gebunden. Durch die Netzwerke können Menschen auch viel leichter miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten. Die Art der Arbeit hat sich damit auch sehr verändert. Und es gibt zwei wesentliche räumliche, sagen wir, Folgeerscheinungen oder Trends – einerseits das Bedürfnis nach Konzentration, ein Ort, wo man ungestört und konzentriert arbeiten kann, und andererseits der große Wunsch nach Kollaboration, ein Ort, wo man sich informell und schnell austauschen kann, ohne Meetings zu buchen. Diese zwei Gegenpole sind wesentlich für neue Büros.

Das heißt, die Organisation dieser Rückzugsorte und dieser gemeinsamen Flächen, das ist das Hauptthema bei einer Büroplanung?

Ich behaupte mal, bei der Planung geht es mehr um funktionale Anforderungen und rhetorische Identität. Also andersrum: Man kann es sich heute als Unternehmen nicht mehr leisten, sich nicht mit einem optimalen Arbeitsort zu repräsentieren. Die Frage, wie, ist für jeden unterschiedlich.

Das geht bis ins Detail – wie kam es zum Traktor im Google Office Tel Aviv?

Das hat jetzt mit architektonischer Identität zu tun. Man holt sich heute extrem viel Mehrwert aus der Mitarbeitermotivation. Da geht es um Effizienz und Produktivität, die ich aber nur erreiche, wenn ich eine Mitarbeiterbindung erzeugen kann. Das ist ein messbarer Faktor des betrieblichen Erfolgs. Und Mitarbeiterbindung mache ich natürlich, indem ich sicherstelle, dass ich meine Kultur in der Firma erfahren und erleben kann. Google erlaubt seinen Mitarbeitern an jedem Standort, sich selber zu repräsentieren, so wie sie das möchten. Das heißt, wir arbeiten sehr eng mit dem Team zusammen und so kam es auch zum Traktor. Die Umsetzung und das gestalterische Gesamtkonzept sind dann unsere Aufgabe.

Das heißt, diese Gemeinschaftsräume bei Google haben Sie in allen Städten mit den Mitarbeitern entwickelt?

Absolut, gerade bei einem globalen Konzern ist es wichtig, als Mitarbeiter keine Nummer zu sein. Das heißt, jede Kultur in jedem Land stellt sich anders dar – und ein Arbeitsplatz in Dublin und Tel Aviv muss anders aussehen; auch wenn es derselbe Konzern ist. Google reflektiert das gut und beherrscht die hohe Kunst, einerseits diese Freiheit zu geben und gleichzeitig die eigene Identität zu vermitteln. Diese Identität ist auch weniger steif, sondern die ist sehr weich, flexibel und offen.

Und gibt es auch Konfliktpotenziale in diesem Change Management?
Vor allem wenn dann der Chef selbst auf sein Chefzimmer verzichten muss?

Im Change Management gibt es klarerweise ganz viel Konfliktpotenzial. Das Wichtigste –
und das ist unsere Erfahrung – ist Ehrlichkeit. Seinen Mitarbeitern kann man nichts vormachen. Fläche einzusparen, weil man sparen möchte, wird jeder sofort durchschauen – wenn es aber aus Effizienzgründen passiert und Flächeneinsparung ein Nebeneffekt ist, schaut es gleich ganz anders aus. Und tatsächlich liegt das größte Konfliktpotenzial nicht bei den Mitarbeitern, sondern sehr oft beim Management. Die Idee von Führung ist oft noch ein wenig zu autoritär und wird noch zu wenig über gutes Teamwork gemessen. Man muss sich natürlich auch die Frage stellen, in Zeiten, wo der Mitarbeiter sehr mobil ist und nicht immer im Büro sitzt, wie man sich organisiert. Es nutzt nichts, wenn ich ein Café ins Büro integriere und dann den Mitarbeiter schräg anschaue, wenn er dort sitzt. Dann kollabiert das System.

Wie schaut die Vorstandsebene bei Google aus? Sieht man die irgendwo?

Google hat wirklich eine andere Kultur – dort weiß man nie, wer der Chef ist. Oder man erkennt es nicht – auch nicht am Arbeitsplatz. Selbst bei der Planung war nicht klar, wo er sitzen wird. Aber auch bei easyCredit, einer Bank, sitzt der gesamte Vorstand in der gleichen Struktur; ohne abgeschlossene Büros und ohne Privatsphäre – wie alle anderen.

Wie weit geht Ihre Planung bzw. Ihr Design, zum Beispiel Möbel oder Licht? Früher hat man Büros sicher einfach nur möbliert. Heute sprechen wir von emotionalen Welten.

Und diese emotionalen Welten bestehen nicht nur aus Tisch und Stuhl, die bestehen aus Farben, dem Boden, den Wänden, der Beleuchtung – und nicht nur aus der Funktionalität heraus, sondern in Bezug auf die Atmosphäre und eine architektonische Identität. Ich muss Räume erzeugen, die für sich selbst sprechen – wie wenn man eine Kirche betritt. Wir kreieren Räume, die eben genau diese Atmosphären bilden.

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