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„Ich habe die Zukunft gesehen“

Linda Pelzmann, die erste Bauherrin von Zaha Hadid, im Gespräch

Autor: Manuela Hötzl Fotos: Gert von Bassewitz

Linda Pelzmann war Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Universität Klagenfurt und Harvard. Im Interview erzählt sie die Entstehungs- und einen Teil der Architekturgeschichte, die mit dem Tod der engagierten wie kämpferischen Architektin Zaha Hadid im April 2016 ein jähes Ende genommen hat. Ihr Einfluss wird bleiben, ist Pelzmann überzeugt: „In Zukunft noch mehr als bisher.“

Manuela Hötzl: Wie sind Sie auf Zaha Hadid aufmerksam geworden. Erst 1990 ist sie nach Graz gekommen. Und erst 1993 hat sie die „Vitra Fire Station“ realisiert …
Linda Pelzmann: Es war ein glücklicher Zufall, dass ich gerade in New York war und am Museum of Modern Art (MoMA) vorbeiging, wo mich die Ausstellung „Deconstructive Architecture“ neugierig machte. Der Architekturpapst Philip Johnson hat sieben junge Architekten aus der ganzen Welt zusammengerufen und ihnen 1988 die Möglichkeit gegeben, ihre Modelle auszustellen. „Die Glorreichen Sieben“ wurden sie von der Presse genannt: Frank Gehry, Zaha Hadid, Coop Himmelblau, Rem Koolhaas, Daniel Libeskind, Bernard Tschumi, Peter Eisenman. Mit wachsendem Staunen bin ich von einem Modell zum anderen gelaufen und wieder zurück. Was machen die? Werden sie in Zukunft so bauen? Völlig fremd und undurchschaubar? Am faszinierendsten war „The Peak“, ein Projekt von Zaha Hadid in Hongkong. Es war das schönste, das aufregendste und das geheimnisvollste Modell von allen. Ich hatte es noch nicht verstanden, aber ich war mir sicher: Jetzt habe ich die Zukunft gesehen!

MH: Wie kann man gebaute „Zukunft“ verstehen – oder wie haben Sie sie verstanden?
LP: Um diese Bau-Revolution zu verstehen, bin ich an den nächsten fünf Tagen, die ich noch in New York war, ins MoMA zurückgekehrt, Tag für Tag habe ich mich unter die Besucher gemischt und sie belauscht: Was sagen sie dazu? Wie erklären sie sich, dass Außen und Innen fließend ineinander übergehen, nicht unterscheidbar sind?

MH: Die Ausstellung ist das eine; wie kam es dann zu dem Auftrag zum Umbau Ihrer Wohnung in Kärnten?
LP: Am Rückflug nach Wien wusste ich: In dieser Zukunft will ich wohnen. Das habe ich dann gleich einem Freund erzählt, der selbst von einem Architekten ein Haus am Wörthersee bauen ließ. Er hat mich ausgelacht. „Solche Star-Architekten wollen ein Denkmal setzen. Was sie sicher nicht wollen, ist ein kleines Apartment in einem 70er-Jahre-Wohnblock ummodeln.“ Er hatte Recht, aber der Wunsch, dass ich in dieser Zukunft leben will, nagte in mir und ließ mir keine Ruhe. Das Verlangen hat sich so stark in meinem Kopf eingenistet, dass ich es nicht mehr vertreiben konnte. An einem Samstagvormittag habe ich es nicht mehr ausgehalten und bei der Telefonauskunft um die Nummer von der Architektin in London, Zaha Hadid, gebeten. Dann habe ich die Nummer gewählt und bin erschrocken, als eine dunkle Stimme sich meldete: „Zaha. Hadid.“ Da konnte ich nicht mehr zurück und habe es ihr erzählt.

MH: Wie hat sie reagiert?
LP: Sie hat mich nicht ausgelacht. „I want to see you“, sagte sie und fragte, ob wir uns in Paris, wo sie eine Designausstellung hatte, treffen können. In Paris haben wir ein paar Sätze miteinander gesprochen, dann hat sie mich angeschaut und gesagt: „I do it.“ 1990/91 war sie am Wörthersee und an der TU Graz, wo Günther Domenig sie zu einer Gastprofessur eingeladen hat; und Domenig und Gerhard Wallner oblag auch die Bauausführung vor Ort.

MH: Wie haben Sie Zaha Hadid als Architektin erlebt?
LP: „Linda, das Leben ist ein endloser Kampf.“ Zaha musste immer kämpfen, die Geschichte bot ihr eine historische Bühne. Gesellschaft und Bauwirtschaft waren lange so strukturiert, dass sie Veränderungen vermieden und den Status quo aufrechterhalten haben. Heute funktioniert das nicht. Der Bedarf an kreativer Erneuerung ist dramatisch gestiegen, das gilt besonders für die Bauwirtschaft. Die Organisation der Baukunst muss heute so beschaffen sein, dass sie von Veränderungen profitiert. Von der Veränderung der Baumaterialien, von technischen Veränderungen, von demografischen Veränderungen und Veränderungen der Lebensweise.

MH: Was hat Ihrer Meinung nach ihre starke Persönlichkeit ausgemacht?
LP:
Zaha Hadid war eine Majestät. Ihre schöpferische Kraft hat sich in besonderen, historischen Umständen durchgesetzt. Es war ihr großes Talent, dass sie Erklärungen und Lösungen anbot, die vielen neu Ankommenden den Weg weisen. Die Geschichte hat dieser Ausnahmepersönlichkeit eine historische Bühne geboten, auf der sie durch besondere Lösungen, besondere Originalität und besondere Anziehungskraft aufgefallen ist. Sie zog alle Aufmerksamkeit auf sich durch eine ganz besondere Aura und Präsenz. So übte sie einen starken Einfluss auf ihre Anhängerschaft aus. In Zukunft noch mehr als bisher.

MH: Was ist Ihre liebste Anekdote in dem Prozess des Realisierens?
LP:
Als wir in meinem Apartment saßen, hat sie mich ganz genau beobachtet. „Ich schaue, wie Linda ihr Gewicht absenkt, wenn sie sich hinsetzt“, erklärte sie ihrem Assistenten. „Das Sofa passt ganz genau zu ihr.“

MH: Zum Zeitpunkt ihres Todes hatte sie bereits 950 Projekte in 44 Ländern betreut – Sie haben sie immer wieder getroffen. Wie hat sie sich verändert? Bzw. hat sie sich verwirklicht und ihren Traum von der Zukunft, die Sie 1988 in New York gesehen haben, selbst gelebt?
LP:
Jedes Mal, wenn ich sie getroffen habe, war sie der Zeit weit voraus. Sie hat Entwicklungen aufgespürt, für die wir noch blind waren. Nicht nur in der Architektur, sondern auch in der Materialwirtschaft, in der Technik, in der Veränderung der Gesellschaft und der Politik. Für mich war sie die Verkörperung eines Pioniers, der die Vorzüge der arabischen Kultur mit den Vorzügen der westlichen Welt in seinem Schaffen und in seiner Persönlichkeit vereint.

MH: Wie werden Sie und die Nachwelt sie in Erinnerung behalten?
LP:
Zaha war voller Sendungsbewusstsein. Sie ist davon ausgegangen, dass sie das Recht hat, sich einzumischen, wenn die Welt und der Architekturhimmel durch eine große Transformation hindurchmüssen. Das hat ihr Selbstbewusstsein und Sendungsbewusstsein so anziehend und ansteckend gemacht für Studenten, aus denen sie ihre Mitarbeiter rekrutiert hat. Sie bauen jetzt weiter für die Ewigkeit. Zaha wacht im Himmel über die Vollkommenheit dessen, was Zaha Hadid Architects schaffen werden.

Dank an Mascha Veech, die dieses Interview möglich gemacht hat.

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