Aus 100 working SPACES (Ausgabe 2016/2017) – BUY NOW

Nach Hause kommen

Trendforscher Raphael Gielgen im Gespräch mit 100 SPACES

Autor: Martina Powell Fotos: Vitra International

Du bist Head Research & Trend
Scouting bei Vitra und beschäftigst dich intensiv mit dem Thema
„Arbeitswelten der Zukunft“. Wie kann man sich dein Büro vorstellen?

Raphael Gielgen ist Head Research & Trendscouting bei Vitra. Ein Schweizer Unternehmen (gegründet 1914)  für die Herstellung und den Handel mit Wohn- und Büromöbeln; mit Zentralen in Weil am Rhein und Birsfelden. Eigenständige Filialen in 14 Ländern gehören zur Unternehmensgruppe. Designgeschichte schrieb der Panton Chair des dänischen Designers Verner Panton, der 1967 bei Vitra in Serie ging. 1976 kam Vitras erster selbst entwickelter Bürostuhl auf den Markt, der „Vitramat“. Im Juni 2016 wurde das Schaudepot des Basler Architekturbüros Herzog & de Meuron eröffnet. Es bietet Platz für rund 7.000 Möbel, 1.300 Leuchten und die Nachlässe von Ray und Charles Eames, Verner Panton oder Alexander Girard.

siehe auch: das Vitra Studio Office in Birsfelden

Eigentlich habe ich drei. Einmal dort, wo meine Vitra Community, meine Gemeinschaft, verortet ist – in der Schweiz im Vitra HQ, dem Gehry Center. Büro zwei ist mein Zuhause, mit wunderschönem Blick auf die Pferdekoppel, einer riesigen Bücherwand und einem Tisch, der aussieht wie in einer Hackerwerkstatt. Das dritte Büro ist meine FREITAG-Tasche, die schon ein paar Mal mit mir um die Welt geflogen ist. Darin sind Smartphone, ein Buch, ein paar Schmierzettel. Und wenn du mich jetzt fragst, was für mich am wichtigsten ist, das ist der Zugang zur Community.

Das heißt, du liegst mit deinen drei Büros, deiner Flexibilität, voll im Trend?

Na ja, schätzungsweise nur 30 Prozent der Beschäftigten haben den Grad an Mobilität wie ich. Aber vielleicht andersrum gedacht: Die im Büro tätigen Menschen waren in ihrer Verortung der Arbeit noch nie so vielfältig wie jetzt. Da gibt es die Menschen, die jeden Tag durch die gleiche Tür gehen, und die, die noch viel nomadischer sind als ich.

Was sind nun die Trends, die die Arbeitswelten der Zukunft bestimmen?

Zwei Gedanken dazu. Der bestvermietete Spot bei Airbnb ist ein alter Wohnwagen in den Redwoods in Kalifornien. Kein Schloss, keine Motorjacht, kein Penthouse. Es gibt also bei den Menschen eine starke Sehnsucht nach Orten, die eine Kraft ausstrahlen, die einen eigenständigen Charakter haben und mit denen wir uns verbinden wollen. Auf der anderen Seite löst sich die uns bekannte analoge Welt auf – bis zu einem Punkt, dass man sich fragt: Was bleibt uns von der analogen Welt erhalten, wenn die virtuelle (digitale) Welt einen immer größer werdenden Raum einnimmt?

In diesem Spannungsfeld finden die Bewegungen und Muster der Arbeit von morgen statt, diese werden dann durch kulturelle Veränderungen für uns greifbar. Mit der Collage – der individuellen Mischung von Produkten, Formen, Farben und Materialien – erhält das Büro Charakter. Richtig gemischt, spiegelt es die Identität des Unternehmens und seine Ambitionen. Diese Bewegung ist klar erkennbar, wenn man sich die Entwicklung der realen Orte der Arbeit anschaut. Andererseits war es durch die Digitalisierung noch nie so einfach, an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Teams gleichzeitig an Projekten zu arbeiten. Ich habe in der Vergangenheit unterschiedliche VR- und AR-Anwendungen beobachtet und diese ausprobiert. Diese Technologien werden – wie das Smartphone heute – Tools unserer täglichen Arbeit werden. Raum und Zeit spielen auf einmal keine Rolle mehr. Zwischen diesen beiden Polen werden wir uns zukünftig bewegen. Eine echte Zusammenarbeit findet nach wie vor im realen Ort „Büro“ statt.

Was sind da jetzt die starken Ankerpunkte in Bezug auf Architektur?

Das Headquarter, das Büro, der Campus, der Hauptsitz erlebt eine Renaissance. Die Leute haben das Bedürfnis, in einer Gemeinschaft zu sein. Wir kennen alle das beruhigende Gefühl, nach einer langen Reise nach Hause zu kommen. Das Zuhause mit seinen Gerüchen und Erinnerungen ist Teil unserer Identität – und unsere Identität spiegelt sich im Zuhause. Das Büro erfüllt die gleiche Funktion. Auch wenn wir von überall arbeiten könnten, wollen wir an den Ort zurückkommen, den wir mit unseren Kollegen teilen. Und gerade weil die im traditionellen Arbeitsverhältnis sich über die Zeit entwickelnde Einstimmung in die Unternehmenswelt nur noch beschränkt stattfindet, muss das Büro Charakter haben und die Werte des Unternehmens vermitteln. Jedes Collage Office sendet spezifische Botschaften und die Kunst der Büroeinrichtung besteht in der atmosphärischen Übersetzung. Die Architektur der Arbeit geht ganz klar in diese Richtung.

Ein anderer Punkt im gleichen Kontext ist Transversalität – was heißt das? Die Grenzen zwischen Industriezweigen und Disziplinen lösen sich immer mehr auf – wie diejenigen zwischen Arbeit und Freizeit. Die Hotel-Lobbys in den Metropolen waren die Vorboten für ein neues Verständnis. Es geht weniger um eine klare Bestimmung eines Raumes, sondern vielmehr um die Vielfalt und Wahlfreiheit, die ein Raum seinen Nutzern bietet.

Gibt es Trends, die deiner Meinung nach überbewertet sind, die dich nicht überzeugen?

(Überlegt) Ne, ich glaube, wir müssen lernen, offener zu sein. Es wird immer ein paar Sachen geben, die nur ein, zwei oder ein paar Jahre Gültigkeit haben, die einer bestimmten Zeit geschuldet sind. Aber wir wären schon ein großes Stück weiter, wenn wir verstehen, dass wir nie fertig sein werden. Am Ende ist ja alles, was zum Fortschritt und zur Entwicklung beiträgt, positiv.

Die Büros, die Arbeitswelten werden also immer individueller?

Absolut. Andererseits bekommt man das Gefühl, wenn man durch Wien oder Berlin spaziert, dass alles gleich aussieht. Wie passt das zusammen? Ja, das ist gut beschrieben. Wir sind in einer Transferzeit, wir sind quasi am Ende der industriellen Ökonomie und in der Übergangszeit in eine neue Epoche. Und da nimmt der Markt oft gerne an, was der Kunde gerade will. Es gibt aber durchaus ein paar Mutige, die „die Welt nicht durch den Rückspiegel betrachten“ und die Welt von morgen ergründen. Und das sind diese Leuchttürme, die als Shop, als Bar, als Hotel oder auch als Büro entstehen, die Vorboten einer neuen Zeit sind und die Orte sind, über die man spricht. Sie entstehen gerade überall auf der Welt und spiegeln die elementaren Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen.

Wie soll man das Thema, das wahnsinnig komplex klingt, also angehen?

Ich glaube, es ist weniger komplex, als es im ersten Moment erscheint. Das, was ich eingangs beschrieben habe, ist in unserer DNA verankert. Denken Sie mal an den Charakter, an die Qualität und die Vielfalt der Stadtbezirke, Viertel oder Kieze. Hier ist es für uns natürlich, eine Architektur im menschlichen Maßstab zu schaffen, die Community zu verorten und eine enorme Aufenthaltsqualität zu schaffen. Wir haben das irgendwann verlernt.

Zum Beispiel?

Als die Industrialisierung Europas so richtig in Fahrt war, haben Unternehmer eine Fabrik gebaut. Und um die Fabrik herum wurden die Wohnungen der Arbeiter angesiedelt, der Musikverein, der Turnklub. Heute baut man in Silicon Valley einen Unternehmenscampus mehr oder weniger nach dem gleichen Muster.

Oder die Gründergarage: Architektur- und Designstudios sind immer eine Art Beta-Version, da wird getüftelt, entworfen, gebastelt. In der Industrialisierung war es ähnlich, da gab es die Werkstätten in den Hinterhöfen. Heute baut man Inkubatoren. Das ist nicht anders als die Tüftlergarage von vor 100 Jahren. Das heißt, diese Dinge gab es also schon einmal, nur hatten wir sie in den letzten 20, 30 Jahren verlernt. Weil die oberste Maxime lautete: Effizienz. Und da haben wir Dinge immer wiederholt, immer wieder, aber nie infrage gestellt.

Wie geht man bei Vitra das Thema an?

Der radikale Bruch ist bei Vitra Teil der DNA. Wir stehen für die Erneuerung der Arbeit, der Unternehmen, von Organisationsformen. Und nicht dafür, dass wir kritiklos das annehmen, was es heute so gibt. Wenn uns diese Herausforderung gelingt, dann entwickeln wir etwas wie Alcove, das Sofa, oder Joyn, den Tisch. Was dann ein neuer Standard wird. Das kann natürlich nicht immer funktionieren …

Bei meiner Arbeit suche ich nach neuen Mustern, die dadurch in mein Blickfeld geraten, weil sie sich wiederholen. Es entstehen greifbare Themenfelder, die Spannungsfelder erzeugen und aus denen eine kulturelle Veränderung entstehen kann. Gleiches gilt für die Vordenker einer neuen Zeit. Man findet sie in Unternehmen, Universitäten, in den kreativen Studios oder in der Gründerszene. Hier suchen wir den Austausch und einen offenen Dialog. Es entstehen gemeinsame Zukunftsbilder und damit auch zukünftige Kundengeschichten.

Wie sieht nun das Büro der Zukunft aus?

Die Welt um uns herum verändert sich nicht linear, sondern exponentiell. Diese Entwicklung überfordert uns gerade. Die Architektur der Arbeit von morgen wirkt dagegen und bietet den Menschen Halt und Orientierung und basiert auf der Collage. Es sind kuratierte Orte mit Charakter, die der Community eine Heimat bieten.

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